Am 2. Juni 2026, fand im Literaturhaus Wien, die Veranstaltung „11 Stimmen gegen den Hass“ statt. Eingeladen, um ihre Texte vorzutragen wurden: Robert Schindel, Erika Pluhar, Doron Rabinovici, Günter Tolar, Susanne Ayoub, Raoul Eisele, Nora Summer, Luis Stabauer, Eva Jansenberger und Konstanze Breitebner. Katrin Butt war die Organisatorin dieser Lesung und gab auch ihren Text zum Thema zum Besten. Es war ein wirklich schöner Abend, und die Texte waren sehr unterschiedlich und, wie ich meine, eine gute Mischung. Hier möchte ich euch meinen Text präsentieren, zum Video. Bei Minute 29 starte ich:-)
Schreibe mir gerne in die Kommentare, wie dir der Text gefällt, oder was er mit dir macht.
Meine Stimme gegen den Hass
von Nora Summer
Es war ein sonniger Oktobertag. Ich quetschte mich in mein langes grünes Ballkleid, das ich noch vor meinen beiden Schwangerschaften für den Wiener Filmball damals erstanden habe, und machte mich voller Vorfreude auf den Weg, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, bei der auf humorvolle Weise, ein Schmäh-Preis verliehen werden sollte. Einige Bekannte und Freunde waren mit von der Partie, und ich war wirklich schon sehr neugierig auf dieses im Vorfeld umfassend beworbene Spektakel. Ich liebe ja Humor und den wunderbaren Wiener Schmäh. Der Veranstaltungsort war gut gewählt, und ich hatte irgendwie ein Gefühl von Nervosität. Warum sollte sich später zeigen! Mein Körper scheint über ein ziemlich gutes Sensorium zu verfügen. Ich hatte keine speziellen Erwartungen an diesen Abend, aber großes Interesse und war offen. Vielleicht sogar ein wenig zu offen.
Da ich ziemlich knapp hinkam, reichte die Zeit nur noch für einen flüchtigen Blick ins Publikum. Und dann wurde auch schon das Saallicht gedimmt, und die Auftrittsmusik ging los.
Als einige Menschen aus dem Publikum, mich eingeschlossen, dann allerdings zu den falschen Stellen lachten und applaudierten, fand das der Moderator weniger leiwand, ja vielmehr störend, was mir bei einem Schmäh-Preis ungewöhnlich vorkam. Der Moderator jedenfalls bot uns Störenfrieden an, jemand auf die Bühne zu entsenden und ein paar Worte zum Besten zu geben – allerdings ganz offensichtlich nicht aus echtem Interesse an unserer Meinung oder an den Gründen für unser Wiehern an vermeintlich unpassender Stelle, sondern vielmehr, um uns kurz das Wort zu erteilen und anschließend ungestört mit dem vorgesehenen Programm fortfahren zu können. Ohne lange zu überlegen – ja – lang überlegen war noch nie meine Stärke gewesen, machte ich mich vom Balkon aus auf den Weg zur Bühne. Der Moderator glaubte bereits, niemand würde sich zu ihm auf die Bühne trauen, da glitt ich – trotz meines sehr eng sitzenden Kleides und der überaus beachtlichen High Heels – erstaunlich galant auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und da war es. Das Gefühl, dass ich so nicht oft spüre. Ja, es waren auch Nervosität und Zittern in meinem Körper zu spüren. Ich hatte ja keine Ahnung was ich eigentlich auf dieser Bühne wollte. Ich hatte weder eine Rede à la Martin Luther King vorbereitet, noch damit gerechnet, hier wirklich einen Auftritt hinzulegen. Spontan ließ ich mich dann zu einer kurzen Rede über meinen Wunsch nach respektvollem Umgang miteinander, wahrhaftiger Toleranz und Diskursfreude hinreißen. Einen entwaffnenden Handstand oder einen beeindruckenden Spagat zum Auflockern meiner zugegeben – etwas holprigen Rede, ließ mein Kleid leider nicht zu. Da war es also. Dieses Gefühl, gehasst zu werden. Mit „Schleich di, du Oaschloch“ und „Buh“ Rufen wurde ich nicht nur empfangen, sondern auch wieder von der Bühne entlassen. Nicht einmal gegendert wurde diese groteske Schimpferei. Denn ich war mir fast sicher, dass der mitteilungsbedürftige Anzugträger, der mir jene geschliffenen Worte entgegenschleuderte, normalerweise genderte. Kann mich natürlich irren.
Ich verließ aufrechten Ganges und mit erhobenem Haupt die Bühne und machte mich zügig auf zu meinem Sitzplatz auf dem Balkon. Mein Körper meldete Übelkeit und nach fünf Minuten, die ich schweigend auf meinem Sitzplatz verbracht habe, ging ich eine Rauchen. Ich ignorierte die Tatsache völlig, dass ich seit 17 Jahren Nichtraucherin war. Nach einem Telefonat mit meiner Schwester wurde mir bewusst: Was mir hier entgegengeschleudert wurde, gehörte nicht mir. Es ging hier nicht um meine Worte, und wahrscheinlich auch nicht um mein Kleid. Obwohl, na ja, wer weiß … Österreicher und Österreicherinnen können da manchmal sehr komisch sein, wenn es um Kleidung geht. Ich denke sogar, dass mir ein Großteil des Publikums in vielem zustimmte. Wie auch nicht? Toleranz, Respekt, Freude am Diskurs – wer würde sich offen dagegenstellen?
Es war dieser um sich greifende Hass, der sich Bahn bricht, sobald wir beginnen, die Welt in „wir“ und „die anderen“ zu teilen. . Inländerin-Ausländer. Steuerzahlerin-Arbeitsloser. Gesunde-Kranke. Autofahrer-Radfahrerin. Hundebesitzerin-Hundehasser. Normale-Andere. Geimpfte-Ungeimpfte. Stille-Laute. Woke-Nicht woke. Urbane-Ländliche. Schüler-Freilernerin. KI-Fans-Ökos. Und natürlich die verschiedensten Religionen. Jede gegen jede. Schlachtfelder.
Der Hass und auch seine dunkelste Manifestation, der Krieg, sind, wie wir sehen, nie weit von uns entfernt. Doch die tiefere Wahrheit ist manchmal schwer anzunehmen. Es hat nicht nur mit den anderen zu tun. Es geschieht – still und leise – in uns. In unserem Zorn. In der Angst und in dem Hass, der sich unbemerkt in uns niederlässt. In unserem Urteilen. Jeder Krieg beginnt unsichtbar. Eine Verletzung. Eine stille Trennung. Eine Spaltung. Wie schon gesagt, sobald wir die Welt in „wir“ und „die anderen“ aufteilen. Diese Linien ziehen wir in unseren Gedanken, lange bevor sie auf Landkarten erscheinen. Wenn wir das nicht bemerken, erschaffen wir Konflikte immer wieder neu. Auf den Bühnen unserer Welt, in unseren Häusern und in unserem Leben.
Oh ja, Hass fühlt sich mächtig an. Er gibt Klarheit. Er gibt Richtung. Aber er befeuert auch den Konflikt. Selbst wenn wir im Recht sind, verwandelt uns Hass still in das, dem wir uns entgegenstellen. Krieg wird nicht allein durch Waffen am Leben erhalten – sondern durch Gefühle, die wir als normal betrachten.
Wir sind darauf trainiert, Partei zu ergreifen. Schnell zu entscheiden – wer hat Recht, wer hat Unrecht. Doch die Wirklichkeit ist selten so einfach. Und es wäre zu einfach zu meinen, dass die Wahrheit wahrscheinlich in der Mitte liegt. Es gibt einen Raum, in dem Verstehen die Reaktion ersetzt. Wo Sehen das Urteilen ablöst. Und in diesem Raum beginnt der Konflikt sich aufzulösen. Kein Kind wird mit Hass im Herzen geboren. Zu Hassen wird gelernt. Durch Worte. Durch Schweigen. Durch Beobachtung. Was wäre, wenn wir uns entschieden, anders zu vermitteln? Den Zorn zu hinterfragen. Unterschiede zu verstehen. Die Menschlichkeit an erste Stelle zu setzen. Die Zukunft des Friedens wird still gestaltet – zu Hause. Nicht alle Veränderung entsteht durch Argumente. Manchmal entsteht sie durch einen verständnisvollen Blick, durch Stille. Ein Gedicht. Eine Pause. Einen Tanz. Ein herzhaftes Lachen, das nicht zurückgehalten wird. Ein Moment des Schweigens. In einer lauten Welt wird Stille bedeutsam. In einer gespaltenen Welt wird Schönheit notwendig.
Stellen Sie sich bitte jetzt einmal vor, ich hätte damals auf dieser Bühne doch einen Handstand und einen Spagat gemacht. Das hätte ihnen wahrscheinlich gefallen.
Stellen Sie sich weiter vor, mein Kleid wäre wirklich an allen möglichen und unmöglichen Stellen gerissen.
Was wäre in dieser Situation alles möglich gewesen? Und plötzlich stehe ich auf dieser Bühne, ganz nackt, allein und still.
Wäre hier vielleicht der Raum für ein „Wir“ gewesen?
Pina Bausch hat dafür die richtigen Worte: TANZT, TANZT, TANZT, sonst sind wir verloren!
Danke fürs Lesen. Gerne kann der Text auch weitergeleitet werden:-)
In liebevoller Verbundenheit


„Selbst wenn wir im Recht sind, verwandelt uns Hass still in das, dem wir uns entgegenstellen.”
Das ist für mich der wichtigste Satz des Textes. So wie es keinen „gerechten Krieg” gibt, gibt es auch keinen „gerechten Hass”. Nicht nur unsere Gegnerinnen *) sollten nicht hassen, wir sollten es auch nicht. Es tut der Hassenden nicht gut, der Gehassten sowieso nicht. Vielleicht fällt das leichter, wenn wir trennen zwischen Mensch und Tat, Mensch und Meinung, Mensch und Verbrechen. Kein Mensch ist hassenswert.
*) Generisches Femininum (alle anderen Menschen mitgemeint)