Dem Terror so nah – eine Nacht voller Angst

Terroranschlag in Wien

Tote und Verletze bei einem Anschlag in der Wiener Innenstadt – 02. November 2020.

Ich sitze hier vor meinem Computer, und zittere noch immer am ganzen Leib.

Oft habe ich mir vorgestellt wie es ist, wenn wirklich mal ein Terroranschlag bei uns passiert.

Warum?

Weil ich einen Mann geheiratet habe, der mit Leib uns Seele bei der Spezialeinheit der Wiener Polizei, kurz. WEGA, Polizist ist.

Jedoch kommt die Vorstellung einer Situation, nicht ansatzweise an das heran, wie ich sie jetzt erlebe.

Es ist einfach unvorstellbar und macht mich fassungslos.

Von der Feier zum Feuer

Am Zweiten November hat der URLI-OPA Geburtstag. Er wurde stolze 87 Jahre alt, und zu diesem Anlass besuchten wir ihn im zehnten Wiener Gemeindebezirk.

Gegen 19 Uhr machten wir uns dann auf den Heimweg, und freuten uns auf unser Bett.

Da mein Mann am nächsten Tag um drei Uhr früh Dienstantritt hatte, und ich sehr müde war, wollten wir beide mit den Kids schlafen gehen.

Peter stand schon in der Unterhose vor mir, als sich sein Handy meldete.

Ein fassungsloses “WAS!!! “, kurze Stille, und dann meine Frage “Was ist den los?”.

Peter zeigte mir dann sein Handy, während er sich wieder anzog, und ich konnte eine Nachricht von einem Täter mit Langwaffe, der in der Wiener Innenstadt um sich schießt, lesen.

Er gab den Kindern und mir einen Kuss und sagte, “Schatz, da muss ich hin. Dafür sind wir da. Da kann ich helfen.”

Ich kuschelte mich zu meinem Sohn, da meine Tochter schon seelenruhig schlief, und die Gedanken in meinem Kopf spielten ein Szenario nach dem anderen ab.

Tränen rannen mir die Wangen hinunter.

Ich versuchte nicht laut zu schluchzen, damit mein Sohn nichts mitbekommt und einschläft.

Bilder von meinem angeschossenem Mann, von seinem Begräbnis, von toten Freunden die auch im Einsatz dabei waren, schwirrten durch meinen Geist.

Es fühlte sich völlig irrational an, und war so angsteinflößend.

Als Felix schlief, wollte ich den Fernseher einschalten, um mehr Infos zu bekommen, aber das klappte nicht. Also ging ich zum Computer.

Parallel telefonierte ich mit meinem Ex Mann und seiner Frau, mit meiner Schwester, meinem Schwiegervater, und beantwortete besorgte SMS Nachrichten.

Viele unserer Freunde boten mir Hilfe an.

Nur wobei?

Ich konnte noch überhaupt nicht zuordnen was da eigentlich vor sich ging.

Peter hatte oft gefährliche Einsätze. Mit Schusswaffen, Messer und Psychosen.

Aber Terror? Echt jetzt?

Und wo war Peter überhaupt im Moment?

Wenn sich da jemand in die Luft sprengt, hilft auch seine gute Schutzausrüstung, und seine spezial Ausbildung nix. Dann wars das.

Um Mitternacht nahm ich dann doch das Angebot meiner wunderbaren Nachbarin an, und rauchte mit ihr eine Zigarette vorm Haus.

Ja ich bin Nichtraucherin.

Kurze Zeit später bekam ich von Peter die Nachricht: ” Alles gut, aber es wird eine lange Nacht. Versuche zu schlafen”.

Ja genau schlafen! Sicher! Und Du da draußen wo der Wahnsinn wütet.

In mir war so viel Angst. Da kamen Dinge hoch, die ich irgendwie gar nicht beschreiben kann. Verlustängste. Angst, dass Wien jetzt auch schon dazugehört zu den Anschlagszielen. Angst, dass ich in Zukunft ängstlich durch meine Geburtsstadt schlendern muss. Ja es war sehr viel Angst da.

Und Wut gefolgt von Ohnmachtsgefühlen.

Warum du Oaschloch? #schleichdiduoaschloch

Dazwischen der Blick auf meine friedlich schlafenden Engelchen. Die von all dem nichts mitbekommen.

Und schon wieder geht es los. Nicht enden wollender Tränenfluss.

In was für einer Welt leben wir eigentlich im Moment?

Nein dies war kein Aktionfilm, wo in Kürze ein Regisseur sagt: “und Klappe.”

Es ist real. Und es ist vor unserer Haustüre.

4 Tote und 22 Verletze. Darunter auch ein Polizist.

Um fünf Uhr früh dann die Nachricht von Peter, dass er in die Kaserne einrückt.

Erleichterung und Erschöpfung machen sich breit.

Die Kinder wachen auf und der Alltag beginnt.

Ich weiß nicht, wo und wie ich das Ganze jetzt einordnen und verarbeiten soll.

Ich brauche noch Zeit und viele Gespräche mit meinem Mann. Denn es ist ja noch nicht ganz vorbei. Vor allem für ihn nicht.

Ein Täter ist tot. Aber was ist mit den anderen? Gibt es noch andere? Und was ist als nächstes geplant?

Vieles ist noch offen.

Eines aber muss ich noch unbedingt festhalten.

Ich bin unendlich dankbar, dass der Kollege und Freund meines Mannes den Täter so schnell ausschalten konnte. Er ist für mich ein wahrer Held.

Ich bin dankbar für die Zivilcourage von einzelnen Passanten, die verletzte Personen in Sicherheit brachten.

Ich bin dankbar für alle Einsatzkräfte, die vor Ort ihr Bestes gaben um zu schützen und zu helfen.

Und ich bin unendlich dankbar meinen Mann wieder in die Arme schließen zu können.

Nein, die Ereignisse des 2.November 2020 werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen.

Aber ihr Oaschlöcher da draußen, meine positive Lebenseinstellung lass ich mir von euch auch nicht nehmen. Das ist sicher.

In inniger Verbundenheit mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen

Eure

NEUGIERIGkeiten

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